Neue Quellenfunde zum Volksschüler Bert Brecht (1898-1956)

Dieser Schüler macht infolge seines Fleißes und seiner Aufmerksamkeit recht erfreuliche Fortschritte

Als am 1. September 1904 in der Volksschule Bei den Barfüßern rund 50 Kinder ihren ersten Schultag absolvierten, ahnte sicher niemand, dass man einen der Abc-Schützen später zu den bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts zählen würde: Eugen Berthold Friedrich Brecht. Seine ersten Schuljahre konnten bislang nur mithilfe vager Kindheitserinnerungen von Zeitgenossen rekonstruiert werden. Schülerverzeichnisse der Barfüßerschule, die unlängst in das Stadtarchiv gelangten, erlauben nun erstmals einen faktenbasierten Blick auf Brechts frühe Schullaufbahn. 

Die Schule „Bei den Barfüßern“ war eine vom protestantischen Volksschulfonds getragene Mädchenschule. Lediglich die ersten beiden Jahrgangsstufen besuchten auch die Jungen des Viertels in sogenannten „kombinierten Kursen“. Ausweislich des Schülerverzeichnisses war fast die gesamte Klasse Brechts protestantischer Konfession; allerdings zählte er auch die beiden jüdischen Schülerinnen Elsa Luchs (+ 1984 São Paulo) und Adele Obernbreit (+ 1974 USA) zu seinen Klassenkameradinnen. Ob sie engeren Kontakt mit Brecht pflegten, ist fraglich. Wie sich Berts Bruder Walter später erinnerte, machten sich die Buben nichts aus den Mädchen in ihrer Klasse.  Das Schulgebäude befand sich in einem etwas verschachtelten Gebäudekomplex an der Kreuzung von Mittlerem Graben und Pilgerhausgasse. Hier war auch ein Kindergarten untergebracht, den Brecht im Jahr vor seiner Einschulung besuchte. Wie sich Walter Brecht später erinnerte, brachte das Dienstmädchen der Familie ihn und seinen Bruder in schneereichen Wintern mit dem Schlitten vom Familiendomizil in der Bleichstraße zur Schule. 

In beiden Schuljahren wurde Brechts Klasse vom Volksschullehrer Albrecht Häres (1874-1935) unterrichtet. Nur für den Handarbeitsunterricht waren Frieda Greiner (1873-1918) und Henriette Kneule (1867-1944) verantwortlich. Häres wirkte nach Absolvierung des Lehrerseminars in Schwabach seit November 1897 in Augsburg. In einem Nachruf des Schwäbischen Schulanzeigers nach seinem Tod im Februar 1935 bezeichnete man ihn als „zielsicheren, gerechten Führer und warmherzigen Berater, hinwegsehend über kleine Dinge, immer hinweisend auf den Kern der Sache in Unterricht und Erziehung“ sowie als tüchtigen, bescheidenen und mit einer natürlichen Begabung gesegneten Meister seines Faches. Gleichwohl berichtete Walter Brecht, dass die Prügelstrafe an der Barfüßerschule an der Tagesordnung war und auch von den Eltern als legitimes Erziehungsmittel der Lehrkräfte geduldet wurde.

Albrecht Häres war auch für die Führung des Schülerverzeichnisses seiner Klasse verantwortlich, in dem er Brechts Zensuren und seine Entwicklung penibel dokumentierte. In beiden Jahren weist sein Notenspiegel ausschließlich gute und sehr gute Leistungen aus. Zum Ende des ersten Schuljahres vermerkte Häres: „Dieser Schüler macht infolge seines Fleißes und seiner Aufmerksamkeit recht erfreuliche Fortschritte.“ Im zweiten Jahr charakterisierte er Brecht als einen „freundliche[n] und aufmerksame[n], wie es scheint, etwas nervöse[n] Knabe[n]“. Diese Einschätzung sollte sich in den folgenden Jahren bestätigen. In der dritten und vierten Klasse, Brecht besuchte nun die Stadtpflegeranger-Schule (St. Anna-Grundschule), litt er wiederholt unter nervösen Gesichtszuckungen und verbrachte in der Folge einen Kuraufenthalt in Bad Dürrheim.

Die Schülerverzeichnisse werfen jedoch auch Fragen hinsichtlich wiederholt zitierter Erinnerungen von Zeitgenossen auf. So berichtete der spätere Fotograf Franz Kroher (* 1898), er sei mit Bert Brecht in den ersten Schuljahren in einer Klasse gewesen. In den Schülerverzeichnissen der Barfüßerschule hingegen ist zu ihm nichts zu ermitteln.

 Literatur:

Walter Brecht: Unser Leben in Augsburg, damals, Frankfurt am Main 1984
Werner Frisch / K. W. Obermeier: Brecht in Augsburg. Erinnerungen, Dokumente, Fotos, Berlin 1998 (2. Auflage)
Schwäbischer Schulanzeiger: Amtliches Mitteilungsblatt der Regierung von Schwaben, Jg. 53/1935, S. 97. 

 1. Klasse
1. Halbjahr
1. Klasse
2. Halbjahr
2. Klasse
1. Halbjahr
2. Klasse
2. Halbjahr
GeistesgabenIIIIII 
Fleiß1111
Betragen1111
Religion1111
Biblische Geschichte1111
Lesen1111
Sprachlehre 121
Rechtschreiben 111
Aufsatz 111
Gedächtnisübungen1111
Schönschreiben1222
Rechnen mündlich1122
Rechnen schriftlich1122
Heimatkunde1111
Gesang2221
Zeichnen  22
Summe der Fortgangsnoten10131715
HauptnoteI-III-III-III-II