Geschichte der Bibliothek und des Bestandes

M JAHRE 1537, auf dem Höhepunkt der reformatorischen Bewegung in Augsburg, wurde auch hier gemäß den Forderungen Luthers eine Bibliothek gegründet. Der katholische Gottesdienst wurde verboten und fast alle Geistlichen, Mönche und Nonnen, die nicht das Bürgerrecht annehmen und sich der städtischen Obrigkeit unterwerfen wollten, wurden ausgewiesen. In diesem Jahr erhielt der Rektor des 1531 gegründeten Gymnasiums, der durch seine Schuldramen bekannt gewordene Sixt Birck, den Auftrag, aus den Bibliotheken leerstehender Klöster eine Auswahl zu treffen und zu einer städtischen Büchersammlung zu vereinigen.
Den Grundstock der neuen Stadtbibliothek bildeten die Buchbestände der drei Männerklöster der Bettelorden: das 1534 der Stadt übergebene Karmeliterkloster St. Anna, dem der berühmte Augsburger Drucker Erhart Ratdolt viele seiner Drucke geschenkt hatte, das 1534 von den letzten vier Mönchen verlassene Dominikanerkloster St. Magdalena und das 1534 aufgehobene Barfüßerkloster der Franziskaner. Sicher nachweisen lassen sich allerdings in größerem Umfang nur noch Bände, darunter mehr als 60 Inkunabeln, aus dem Karmeliterkloster. Von städtischer Seite weitgehend unangetastet blieben die beiden ältesten und bedeutendsten kirchlichen Bibliotheken Augsburgs, die des Domkapitels und die des Benediktinerklosters St. Ulrich und Afra. Die zunächst im ehemaligen Karmeliterkloster St. Anna aufgestellte Stadtbibliothek kam 1544 in das Dominikanerkloster und wurde 1548 nach der Rückkehr der Dominikaner im Barfüßerkloster untergebracht. 1563 wurde im Annahof der für sie errichtete Neubau fertiggestellt, der erste freistehende, selbständige Bibliotheksbau der Neuzeit in Deutschland. In diesem Gebäude war die Bibliothek 330 Jahre bis 1893 untergebracht.
Für Bestandsentwicklung und Rang der Bibliothek war entscheidend, daß der Magistrat von Anfang an bestrebt war, die neugegründete Bibliothek über ein Sammelbecken der Bestände verlassener Klöster hinaus zu einer bedeutenden Einrichtung der Stadt auszubauen. Achilles Pirminus Gassers Annales Augustani zufolge erhielt die Bibliothek noch im Gründungsjahr einen festen Etat von 50 Gulden für die Anschaffung neuer Werke auf der Frankfurter Buchmesse. Darüber hinaus lassen sich in den städtischen Baumeisterbüchern bis 1547 Jahr für Jahr zusätzliche, beträchtliche Ausgaben für Zahlungen an Buchführer nachweisen; neben dem aufsehenerregenden Kauf von 100 griechischen Hss. von dem aus Korkyra vertriebenen Kaufmann Antonius Eparchus im Jahre 1545 erwarb die Stadt 1543 auch die Bibliotheken der beiden verstorbenen evangelischen Prediger Michael Weinmair (+1542/43) und Bonifatius Wolfart (+1543), die den Grundstock der großen Sammlung reformatorischen Schrifttums der heutigen Bibliothek bilden. Insgesamt brachte die Stadt für ihre Bibliothek zwischen 1538 und 1555 über 2850 Gulden auf.
In der Zeit zwischen der Niederlage Augsburgs im Schmalkaldischen Krieg 1547 und der Fertigstellung des Neubaus der Stadtbibliothek im Jahre 1563 wurden so gut wie keine Neuerwerbungen getätigt. Erst danach gelang es dem bedeutendsten Gelehrten unter den Augsburger Stadtbibliothekaren, dem Philologen und Begründer der Byzantinistik, Hieronymus Wolf, beträchtliche Summen für den Ausbau der Bestände zu erhalten. Höhepunkt seiner Amtszeit (1557-1580) war das Jahr 1563, als er im Frühjahr 32 griechische Hss. erwarb und im Herbst um 454 Gulden auf der Frankfurter Buchmesse, hauptsächlich bei Oporinus, Bücher anschaffte. Hieronymus Wolf (1516-1580) und später sein bedeutendster Schüler, der Späthumanist und Philologe David Höschel (1556-1617), der 1593 Rektor des Gymnasiums und Stadtbibliothekar wurde, waren mit Erfolg bestrebt, die Bibliothek durch einen umfassenden Bestand an wissenschaftlicher und gelehrter Literatur in allen höheren Fächern und besonders an Werken der Autoren der Antike zu einer wissenschaftlichen Einrichtung von Rang für humanistische und philologische Forschungen auszubauen, so daß die Bibliothek von Zeitgenossen für eine der ersten Europas und nach der Wegführung der Palatina für die bedeutendste deutsche Bibliothek gehalten wurde.
Den eindrucksvollen Reichtum der Bibliothek macht der 1600 gedruckte Gesamtkatalog deutlich, der erste einer deutschen öffentlichen Bibliothek und der älteste gedruckte Bibliothekskatalog in Europa nach dem der Universitätsbibliothek Leiden von 1595 überhaupt. Weißt der Leidener Katalog ungefähr 1500 Titel nach, so umfassen die Augsburger Bestände 8500 Titel. Die Hälfte des Augsburger Bestandes stammt dabei aus den Druck- und Verlagsorten Basel, Lyon, Venedig und Straßburg, knapp ein Viertel allein aus Basel, was dem Vorherrschen von Bibelausgaben, antiken Autoren, Kirchenvätern, humanistischer und juristischer Literatur in den klassischen Sprachen entspricht.
Eine außerordentliche Bereicherung erfuhr die Bibliothek, als ihr der gelehrte Mäzen, Geschichtsschreiber und spätere Stadtpfleger Markus Welser, der auf Anregung Höschels auch den bedeutenden Verlag "Ad insigne pinus" gegründet hatte, seine wertvolle Bibliothek von 2266 Bänden vermachte. In dieser planvoll angelegten Privatbibliothek waren alle Gattungen und Sprachen vertreten, besonders reich war sie an historischen Werken; sie bildete auch einen Grundstock der großen kostbaren Sammlung von Musikdrucken des 16. Jahrhunderts in der Staats- und Stadtbibliothek. Der bemerkenswerte Bestand von über 400 Bänden in italienischer, spanischer und französischer Sprache kam nach dem Übergang Augsburgs an Bayern fast ganz nach München. Die 6000 Werke aller Wissensgebiete, auch protestantische Theologie umfassende, an Neuerscheinungen der Jahre 1590 bis 1618 reiche Büchersammlung des Bruders von Markus Welser, Anton (+1618), Dompropst in Freising, wanderte nach seinem Tode 1618 in den Besitz des Klosters St. Ulrich, und Afra und wurde damit nach der Säkularisation in der Staats- und Stadtbibliothek mit der seines Bruders vereint.
Bis 1618 wurden Jahr für Jahr beträchtliche Ausgaben für Neuanschaffungen getätigt, bis hin zu Aufwendungen von 237 Gulden im Jahre 1606; mit Beginn des Dreißigjährigen Krieges blieben dann die Mittel für Ankäufe aus. Höschels Nachfolger Elias Ehinger (1573-1653) begann nach seinem Amtsantritt 1618 mit der Verzeichnung des Bestandes. 1633 erschien der Gesamtkatalog einschließlich der Büchersammlung Welsers im Druck. Mit seiner eindrucksvollen Zahl von über 11.000 Titeln und seinem breiten Spektrum zeigt er die Entwicklung der Bibliothek nach ihrem fast hundertjährigen Bestehen am Ende ihrer ersten glanzvollen Epoche.
Nach dem Westfälischen Frieden gelang es dem Stadtbibliothekar Matthias Wilhelm 1650, wieder einen festen Etat durchzusetzen. Der Zustand der Bibliothek besserte sich, ohne die frühere Höhe zu erreichen. 1677 erhielten die Augsburger Drucker und Verleger durch ein Ratsdekret die allerdings mangelhaft befolgte Auflage, ein Exemplar von jedem Buch an die Stadtbibliothek abzuliefern. In den letzten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts wuchs der Bestand beträchtlich, da 100 bis 200 Gulden für Ankäufe zur Verfügung standen. Auch die Privatbibliothek des Ratsherrn Christoph Rehlinger (1530-1598) wurde käuflich erworben, zudem wurde ein großer Vorrat von Büchern des Verlags "Ad insigne pinus" für Neuanschaffungen eingetauscht.
Die bedeutendste Bereicherung der Stadtbibliothek im 18. Jahrhundert stellt die mehr als 2000 Bände umfassende Büchersammlung des Arztes und Präsidenten der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina Lukas Schroeck (1646-1730) dar, überwiegend medizinische Werke. 1742 wurden die Handbibliotheken der Ratskonsulenten der Stadtbibliothek einverleibt. Nachdem durch die Auswirkungen des Spanischen Erbfolgekrieges, als beim Bombardement der Stadt die Bibliothek in Sicherheit gebracht wurde und in Unordnung geriet, die veralteten Kataloge und die beengten Verhältnisse zu Mißständen geführt hatten, wurde eine durchgreifende Neuordnung in Angriff genommen und in den Jahren 1745 bis 1750 von Buchhändler David Raymund Merz der erste alphabetische Gesamtkatalog angefertigt, in dem rund 16.000 Titel verzeichnet sind.
Die 1745 erneuerte und 1746 wiederholte Ratsverfügung, Exemplare eines jeden Drucks einschließlich graphischer Erzeugnisse abzuliefern, hatte zur Folge, daß die Augsburger Künstler Johann Elias Ridinger (1698-1767) und Johann Jacob Haid viele ihrer Blätter ablieferten. Der letzte Künstler der großen Künstlerfamilie Kilian, Georg Christoph Kilian (1709-1781), vermachte 1781 der Stadtbibliothek seine umfangreiche Sammlung von Kupferstichen, vor allem von Mitgliedern seiner Familie. Sie bildet den Grundstock der graphischen Sammlung, die heute rund 16.000 Blätter umfaßt. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts standen Mittel für die Anschaffung neuer Literatur reichlicher und stetiger zur Verfügung. 1750 konnte eine Münchner Privatbibliothek erworben werden, 1762 eine bedeutende Sammlung juristischer Werke. Auch bei Versteigerung von Privatbibliotheken wie der von Jakob Brucker (1696-1770) und von Johann Baptist von Bassi (1713-1776) wurden Anschaffungen getätigt, 1777 wurde der jährliche Etat auf 150 Gulden festgesetzt. Um 1790 wurde so die Anlage eines alphabetischen Katalogs der Neuerwerbungen in zwei Bänden notwendig, in dem 4200 Bände verzeichnet sind.
Den tiefsten und wichtigsten Einschnitt in der Geschichte der Stadtbibliothek seit ihrer Gründung stellt die Säkularisation von 1802/03 zusammen mit der Mediatisierung der Reichsstadt Augsburg (1805/06) dar. Den Namen Staats- und Stadtbibliothek, oder früher Vereinigte Königliche Kreis- und Stadtbibliothek, führt die Bibliothek, deren alleiniger Unterhaltsträger - von einem geringen staatlichen Zuschuß abgesehen - die Stadt Augsburg ist, wegen der im Eigentum des bayerischen Staates stehenden Säkularisationsbestände. Zur Zeit der Säkularisation wurden der Stadtbibliothek auch noch die Büchersammlungen des Jesuitenkollegs und des 1805 geschlossenen Protestantischen Kollegiums bei St. Anna einverleibt. Bedeutung und Größe des wertvollen Altbestandes der Bibliothek beruhen daher entscheidend auf der Tatsache, daß sie wie keine andere alte Stadtbibliothek nach dem Ende des Alten Reiches mit kirchlichen Beständen dotiert wurde und seit Beginn des 19. Jahrhunderts damit keine reine Stadtbibliothek mehr ist.
Im Zuge der größten Bücherbesitzumschichtungen in der Geschichte erlitt die Stadtbibliothek allerdings zunächst schwere Verluste. Denn nach dem Übergang Augsburgs an Bayern kam 1806 eine Kommission nach Augsburg, die aus den Augsburger Klosterbibliotheken und auch aus der Stadtbibliothek selbst wertvolle Handschriften, Inkunabeln und Frühdrucke aussuchte und in die Hofbibliothek nach München bringen ließ. Bei den Drucken hielt sich der Verlust mit 325 Bänden quantitativ in Grenzen: neben einer Reihe von seltenen und kostbaren Inkunabeln, Frühdrucken und Aldinen galt das Hauptaugenmerk der Säkularisationskommissare den fremdsprachigen Drucken der Bibliothek von Markus Welser, aus der 205 spanische und italienische Werke nach München überführt wurden.
Zum Ausgleich für diese harten Eingriffe wurde Augsburg Sitz einer schwäbischen Provinzial- oder Kreisbibliothek, die 1810 mit der Stadtbibliothek vereinigt wurde. Die über 42.000 Bände aus Augsburger Klosterbibliotheken, die seit 1808 im ehemaligen Karmeliterkloster untergebracht waren, wurden daraufhin 1811 in das städtische Bibliotheksgebäude überführt. Aus dem Benediktinerkloster St. Ulrich und Afra, dessen Bibliothek im Laufe seiner glanzvollen Geschichte immer wieder Schenkungen wie die von Anton Welser mit 6000 Werken oder von Angehörigen des Klosters selbst wie die des humanistischen, der Reformation zunächst nahestehenden Gelehrten Veit Bild (1481-1529) zuteil wurden, kam dabei mit annähernd 10.000 Bänden darunter 425 Inkunabeln, der größte und bedeutendste Anteil. Auch aus sechs weiteren Augsburger Klosterbibliotheken kamen umfangreiche Bestände, 5100 und 5904 Bände aus den beiden Augustinerchorherrenstiften St. Georg und Hl. Kreuz, welch letzterem der Dompropst Wolfgang Andreas Rem (1511-1588) im 16. Jahrhundert 1000 Werke gestiftet hatte, fast 10.000 aus dem Dominikanerkloster, annähernd 7000 aus dem Kloster der Franziskanerobservanten, annähernd 4000 aus dem der Kapuziner und über 2000 aus dem Kollegiatsstift St. Moritz.
Bereits 1810 war die noch rund 10.000 Bände umfassende Bibliothek des Jesuitenkollegs St. Salvator in die Stadtbibliothek verbracht worden. Ihre herausragende Bedeutung verdankte sie der 1718 in sie eingegangenen Büchersammlung des Humanisten Konrad Peutinger, der mit 2150 Bänden eine der umfangreichsten humanistischen Bibliotheken seiner Zeit besaß. Ganz der Aufmerksamkeit der Münchner Säkularisationskommissare war die an Größe und Qualität der Bibliothek des Jesuitenkollegs gleichkommende Bibliothek des Protestantischen Kollegiums bei St. Anna entgangen, so daß sie ungeschmälert der Stadtbibliothek einverleibt wurde. Ihren Grundstock bildete durch Schenkung die Bibliothek des Kaufmanns und Mitbegründers des Kollegs Martin Zobel (1530-1584). Auch der spätere Administrator Jeremias Buroner (1578-1637) überließ seine Bibliothek, wie die Zobels reich an Reformationsschriften, dem St.-Anna-Kolleg. Besonders wertvolle Bestände des Protestantischen Kollegiums, darunter 81 Inkunabeln, stammen aus dem Nachlaß von Andreas Behaim dem Älteren (1530-1612) aus der Nürnberger Glockengießerfamilie. Vom Kolleg erworben wurde die schöne, rund 7000 Bände zählende Bibliothek seines 1748 verstorbenen Leiters Heinrich Mezger, der neben Klassikerausgaben besonders Inkunabeln, Erstdrucke lutherischer Werke und Augustana gesammelt hatte.
Eine große Bereicherung erfuhr die neue Kreis- und Stadtbibliothek, als 1817 der Altmühlkreis dem Oberdonaukreis einverleibt wurde und die Eichstätter Kreisbibliothek wertvolle Bestände nach Augsburg abgeben mußte. Unter den mehreren tausend Bänden, darunter 147 Inkunabeln, aus Eichstätter Bibliotheken und dem Stift Rebdorf ragen besonders die prachtvollen Drucke aus der Fürstbischöflichen Hofbibliothek heraus.
Erst 1818 fiel eine Entscheidung darüber, was mit den Bibliotheken der ostschwäbischen Stifte Irsee, Roggenburg, Ottobeuren, Ursberg und der Hof- und Stiftsbibliothek in Kempten, die bis dahin sich selbst überlassen worden waren, geschehen sollte. Der Stadtbibliothekar Daniel Beyschlag, in dessen Amtszeit (1801-1835) alle diese Bücherumschichtungen stattfanden, erhielt damals den Auftrag, die kostbarsten und brauchbarsten Werke auszusuchen und nach Augsburg überführen zu lassen. Aus diesen Klöstern gelangten daher in strenger Auswahl die besten Bestände nach Augsburg. Aus der ehemaligen Benediktinerabtei Irsee stammen, nach St. Ulrich und Afra und dem Jesuitenkolleg, die meisten Inkunabeln der Staats- und Stadtbibliothek, nämlich 249. 1818 kamen aus diesem Kloster 188 Werke, denen erst 1833 670 weitere nachfolgten. Auch aus Ursberg wurden die wertvollsten Bücher sofort mitgenommen, während weitere 200 1821 eingeschickt wurden. Den letzten Säkularisationsgewinn bildete 1833 noch die über 3000 Titel umfassende Bibliothek des Jesuitenkollegs und späteren Malteserklosters in Mindelheim.
Der Bestand der Vereinigten Königlichen Kreis- und Stadtbibliothek betrug nun über 100.000 Bände. Sichtung, geordnete Aufstellung und Erschließung dieser hereingeströmten Büchermassen waren die Hauptaufgaben der folgenden Jahrzehnte. Mittel des Kreises und der Stadt sowie der Erlös aus Dublettenverkäufen ermöglichten aber auch in beachtlichem Umfang die Anschaffung neuer Werke. 1839 konnte um 900 Gulden die an literarischen und politischen Zeitschriften sowie an Werken der Völker-, Natur- und Literaturgeschichte reiche, 3291 Bände zahlende Bibliothek des Regierungsrates und gelehrten Publizisten Franz Eugen Freiherr von Seida und Ladensberg erworben werden. Unter den Büchergeschenken dieser Zeit ist das aus 112 Bänden bestehende Legat des Regierungsrates, Volksschriftstellers und wie Seida ebenfalls Verfassers einer Augsburger Stadtgeschichte Christian Jakob Wagenseils zu erwähnen. Ihren umfassenden Bestand an Augsburger Zeitungen verdankt die Bibliothek u.a. der Anordnung, daß ein Freiexemplar abgeliefert werden mußte. Auch die Erzeugnisse der Druckerei Cotta in Augsburg, an erster Stelle die Allgemeine Zeitung, wurden ihr überlassen. 1848 schenkte die Londoner Bibelgesellschaft der Bibliothek eine wertvolle Sammlung von Bibeln in fremden Sprachen, das gab den Anstoß zum Ausbau des großen Bestandes an Bibelausgaben zu einer bis in die Gegenwart ergänzten Bibelsammlung.
Die bedeutendsten Bereicherungen nach den Säkularisationsgewinnen stellen zwei große Privatsammlungen des 18. Jahrhunderts dar, die im 19. Jahrhundert übernommen wurden und geschlossen aufgestellt sind. 1846 schenkte der Bankier Friedrich von Halder (1773-1856) eine ca. 10.000 Bände umfassende Bibliothek, die im wesentlichen sein 1810 verstorbener Vater Georg Walter von Halder (1737-1810) u.a. durch zahlreiche Erwerbungen aus der großen Sammlung des Ratskonsulenten Ludwig Bartholomäus von Herttenstein (1709-1764) zusammengetragen hatte. Diese großbürgerliche Universalbibliothek, die auch viele kostbare Werke und die besten Leistungen der Augsburger Buchkunst des 18. Jahrhunderts enthält, zählt insgesamt 5766 Titel, davon 4370 aus dem 18. Jh. Im Jahre 1875 wurde die ca. 8000 Bände starke Familienbibliothek der von Stetten der Stadtbibliothek übergeben. Da die Mitglieder dieser Kaufmanns- und Patrizierfamilie, die im 18. Jahrhundert auch die Hauptstützen des geistigen Lebens in Augsburg waren, immer wieder höchste Ämter in der Stadtverwaltung innehatten, liegt der Schwerpunkt ihrer Sammlung stärker auf der Geschichte, insbesondere der Geschichte Augsburgs und auf Augustana überhaupt, sowie auf der Rechts- und Staatswissenschaft. Insgesamt umfaßt die Bibliothek, zu der auch 2600 graphische Blätter gehören, 6395 Titel, davon 3272 aus dem 18. Jahrhundert und 1476 Titel aus dem 17. Jh.
Bis 1891 erfolgte die Anschaffung neuer Bücher aus Mitteln der Stadt Augsburg, des bayerischen Staates, des Kreises Schwaben und Neuburg, daneben von Stiftungen und aus dem Verkauf von Doppelstücken. Im Zusammenhang mit den Verhandlungen zur Finanzierung des neuen, 1893 bezogenen Bibliotheksgebäudes an der Schaezlerstraße wurden Besitzverhältnisse, Rechtslage und Verwaltung neu geklärt und geregelt. Die Stadt wurde wieder alleiniger Unterhaltsträger, der Staat behielt die Eigentumsrechte an seinem Teil der Bestände und leistete in Zukunft nur noch verhältnismäßig geringe Zuschüsse für die Staats-, Kreis- und Stadtbibliothek, wie sie von 1898 an hieß.
Den letzten großen Zuwachs im 19. Jahrhundert stellt die geschlossen aufgestellte wertvolle Kern-Kernriedsche Stiftungsbibliothek mit über 700 Werken in ca. 2000 Bänden dar. Da ihr Schwerpunkt auf Architektur und Kunst, insbesondere auf Befestigungswesen, Burgenkunde und Heraldik lag, gab sie den Anstoß zu dem besonderen Sammelgebiet Festungs- und Burgenkunde, das bis 1963 fortgeführt wurde. Über 3000 Bände, vor allem kulturgeschichtliche Literatur, vermachte der Stadtbibliothekar Dr. Thaddäus Ruess (1846-1905) der Bibliothek. Sein Nachfolger, der erste wissenschaftliche Fachbibliothekar Dr. Richard Schmidbauer, nahm 1912 eine Zählung vor, die einen Bestand von über 205.000 Bänden Druckschriften ergab.
In den ersten beiden Jahrzehnten von Schmidbauers Amtszeit war der Zuwachs durch Schenkungen, Vermächtnisse und Abgaben außerordentlich reich, bis zu 21.000 Bänden in einem Jahr. Die größte Zahl an Druckschriften auch aus früheren Jahrhunderten wies darunter die ca. 8000 Bände umfassende Bibliothek des Historischen Vereins für Schwaben auf, die 1910 in die Bibliothek gelangte und 1928 ihr Eigentum wurde. Ebenfalls 1910 wurde der Bibliothek die aus 300 Bänden bestehende Bücherssammlung der deutschen Kolonialgesellschaft überlassen, 1911 wurden 5000 Bände vom Stadtbauamt, 1913 3370 Bände der alten Amtsbibliothek des Rates an sie abgegeben. 1915 erhielt die Bibliothek zwei große private Büchersammlungen, die des Diplomingenieurs Lucian Anton Vogel (1855-1915) mit über 1300 Bänden naturwissenschaftlicher und technischer Literatur und die 6076 Bände umfassende, von vielfältigen literarischen und geistigen Interessen zeugende Bibliothek des Bankiers Gustav Flesch (1853-1915). Durch die Bibliothek des Ärztlichen Lokalvereins und eine Schenkung des Hofrates Dr. Josef Sprengler (1853-1913) betrug 1916 der Zuwachs an medizinischer Literatur weit über 3000 Bde.
Den höchsten Zugang seit der Säkularisation hatte die Bibliothek im Jahre 1919, als ihr über 20.000 Bände aus den Bibliotheken der ehemaligen Augsburger Regimenter als Leihgaben überlassen wurden, die aber 1926 größtenteils an die Landespolizei und eine Offiziersvereinigung zurückgegeben wurden. 1920 übernahm die Bibliothek die ca. 2000 Bände umfassende Sammlung numismatischer Literatur des Kommerzienrates Albert Ritter von Forster (1848-1917). 1924 wurde der Bibliothek die 1776 gegründete ehemalige Theaterbibliothek überwiesen, die aus 455 Bänden Druckschriften und 288 Handschriften mit Dramen des späten 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts besteht. Der letzte erwähnenswerte Zuwachs durch eine Sammlung ist der Erwerb der Selbstmord-Bibliothek des Augsburger Journalisten Dr. Hans Rost (1877-1970) mit 658 Schriften in 300 Bänden.
Im Zweiten Weltkrieg wurde das wertvollste Bibliotheksgut in 400 Kisten ausgelagert, es kam nach Kriegsende wieder heil zurück. Vor allem aber hat die Bibliothek, die seit 1941 Staats- und Stadtbibliothek heißt, die schweren Luftangriffe auf Augsburg ohne nennenswerte Verluste überstanden. Außer einigen hundert Dubletten wurden nur 270 Bände vernichtet, die weitgehend wiederbeschafft werden konnten. 1957 wurden von der Bibliothek die 1500 Bände des Naturwissenschaftlichen Vereins für Schwaben übernommen, in der sich auch durch rechtzeitige Auslagerung im Zweiten Weltkrieg gerettete ältere Bestände befanden.
Erhebliche Bedeutung im Bestandsaufbau kommt der Tatsache zu, daß seit Beginn des 20. Jahrhunderts kontinuierlich Antiquaria angeschafft werden. Der Schwerpunkt liegt hier ganz auf in Augsburg und Bayerisch Schwaben verlegten und gedruckten Schriften und auf Werken von Autoren aus diesem Raum, wobei sowohl herausragende Einzelstücke, allein zwischen 1926 und 1929 36 Inkunabeln und insgesamt Hunderte von Inkunabeln, wie auch große Sammlungen von Hunderten und im Einzelfall einmal 2000 Bänden erworben wurden. Dieser Ausbau des wertvollen Altbestandes läßt das Gewicht der glanzvollen Tradition des Augsburger Buchdrucks und Verlagswesens und insgesamt der bedeutenden kulturellen Überlieferung dieser Stadt noch stärker hervortreten. Überhaupt sind Pflege, Sammlung und Erschließung dieses reichen geschichtlichen Erbes zu einer der Hauptaufgaben der Bibliothek geworden, zumal nach der Verselbständigung der Volksbücherei im Jahre 1953 und nach der Gründung der Universität Augsburg im Jahre 1970 die Aufgaben einer Forschungs-, Archiv- und Regionalbibliothek in den Vordergrund getreten sind.
Die Bibliotheksgebäude
Schon seit 1562 besaß die Bibliothek ein eigenes Gebäude am Annahof. Da dieses baufällig geworden war, und überdies der Standort der alten Bibliothek für einen Erweiterungsbau des St. Anna-Gymnasiums benötigt wurde, mußte ein neues Gebäude an einem anderen Ort errichtet werden.
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Dies geschah in den Jahren 1892/1893. Das heutige Bibliotheksgebäude an der Schaezlerstraße entstand nach den Plänen des Stadtbaurats Fritz Steinhäuser, die Fassade wurde nach den Entwürfen des Architekten Martin Dülfer gestaltet. Das alte Bibliotheksgebäude wurde 1894 abgerissen.
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