Kaiser-Automat

Augsburgs erstes Schnellrestaurant?

„Das Leben ist einfach, aber wir bestehen darauf, es kompliziert zu machen“ stellte schon der chinesische Philosoph Konfuzius um 500 v. Chr. fest. Vielleicht kam dieser Gedanke auch manchen Augsburgern in den Sinn, wenn sie am Nachmittag des 26. August 1905 einen neugierigen Blick in das gerade eröffnete Lokal in der Maximilianstraße 15 warfen. Vom Likör bis zur Limonade, von der Bouillon bis zum belegten Brötchen, in diesem Restaurant kam alles – gegen Münzeinwurf – aus hochtechnisierten Automaten.

Lust auf ein Glas Bier? Bei „Kaiser-Automat“ funktionierte der Ausschank so: „Mit der Luftpumpe A wird die im Filter B gereinigte Luft, welche durch das Rohr H vom Hofe oder von der Straße eingeleitet wird, in den Kessel C gepumpt. Von hieraus tritt durch den Reductor D die Luft in das Fass E und drückt das Bier zum Automat F. Wird nun ein 10 Pfennig-Stück in den Automaten geworfen, so öffnet sich das Ventil J, lässt ein Glas Bier auslaufen und schließt sich dann wieder.“Klingt kompliziert, war es wohl auch. Und doch entsprach die Nutzung von Verkaufsautomaten in der Gastronomie durchaus dem Zeitgeist. Ursprünglich hatte der Kölner Schokoladeproduzent Ludwig Stollwerk (1857–1922) die Idee von einem Amerikaaufenthalt nach Deutschland mitgebracht. 1887 ließ er die ersten Münzautomaten aufstellen, das erste deutsche Automatenrestaurant eröffnete dann 1896 in Berlin. Von dort verbreitete sich das Geschäftsmodell in den Großstädten des deutschen Kaiserreichs.

Dass sich der Typus „Schnellrestaurant“ im August 1905 auch in Augsburg etablieren konnte, ist unter anderem dem Schirmfabrikanten Jacob Oberdorfer zu verdanken. Er vermietete einige Geschäftsräume auf halber Höhe zwischen Moritzplatz und Rathaus an den Elsässer Automaten-Unternehmer Ernst Berger, der sich für den Aufenthalt in Augsburg im „Drei Mohren“ einquartiert hatte. Gut 40 Automaten, gestaltet im feinsten Jugendstil, boten nun kalte Speisen und eine breite Auswahl an Getränken. Dazu kamen Zigarren- und Zigarettenautomaten, ein Visitenkartenautomat, ein Postkartenautomat, eine automatische Personenwaage, ein Parfümautomat, ein selbstspielender Klavierautomat, ein „Wahrsager-Automat“ und ein „Mutoskop“, welches in der Art eines Daumenkinos kleine Filmvorführungen präsentierte.

Der klassische Kellner hatte bei Kaiser-Automat also ausgedient. Im Lokal wurden dennoch etwa zehn Angestellte beschäftigt, die Speisen in der Küche zubereiteten, Automaten befüllten und zumindest für eine gewisse Grundhygiene sorgten. Trotzdem waren die Besucher häufiger als sonst auf sich allein gestellt. In den Stoßzeiten machte sich die Augsburger Jugend dies zu Nutze, um unerkannt und verbotenerweise an den Likörautomaten zu zechen. Bei einem „Jahresabendschoppen mit Musik“ im März 1908 kam es im und vor dem Lokal bis in die Morgenstunden gar zu derartigen Ausschweifungen, dass sich der damalige Geschäftsführer Karl Wanietscheck zu einigen Warnschüssen aus seinem Revolver genötigt sah. Es war nicht das einzige Mal, dass das Kaiser-Automat mit Polizei und Behörden in Konflikt kam. Verstöße gegen die Hygieneverordnungen und eine schier endlose Debatte um die eigentlich untersagte Verabreichung warmer Speisen wie Gulasch oder Würstchen außerhalb des Automatenbetriebs füllen noch heute die im Stadtarchiv verwahrten Akten des Stadtmagistrats.

Ende 1918 war das Deutsche Kaiserreich Geschichte. Wenige Monate später gingen auch bei Kaiser-Automat die Lichter aus. Rund einhundert Jahre später weist in der Maximilianstraße nichts mehr auf Augsburgs skandalträchtiges Schnellrestaurant hin. An die Oberdorfers, die einstigen Vermieter der Lokalräume, erinnern heute drei Stolpersteine. Mitglieder der Familie wurden nach 1933 als jüdische Mitbürger Opfer der Verfolgung durch die Nationalsozialisten.
 

Mario Felkl