„Frauenthemen sind keine Sozialromantik“

08.03.2019 09:30 | Bürgerservice & Rathaus, Umwelt & Soziales

Einmal mehr war der Goldene Saal gut gefüllt: Am gestrigen Donnerstag hatte die Gleichstellungsstelle der Stadt Augsburg zum Frauenempfang geladen. Gastrednerin Ulrike Mascher prangerte vor allem die hohen Armutsrisiken von Frauen an.

Gastrednerin Ulrike Mascher (Mitte) mit den städtischen Gleichstellungsbeauftragten Birgit Weindl (links) und Barbara Emrich. Fotos: Ruth Plössel/Stadt Augsburg

„Es ist erschreckend, dass Armutsrisiken auch 2019 noch immer ein Thema sind“, sagte Bürgermeisterin Eva Weber in ihrer Eröffnungsrede. Außerdem verwies sie auf 100 Jahre Frauenwahlrecht, doch mit Blick auf heut sei festzustellen, dass die Frauenquote in der Bayerischen  Landesregierung ein weiteres Mal nach unten gegangen sei. „Da haben wir noch nicht alles gut gemacht.“

Eva Weber: „Wir brauchen auch Männer, die unsere Anliegen verstehen“

„Männer darf man aber nicht verteufeln, sondern muss sie als Unterstützer wertschätzen. Denn wir brauchen auch Männer, die unsere Anliegen verstehen“, so Weber weiter. Frauen hätten immer noch ein großes Risiko, in die Armut abzurutschen, etwa wenn die Ehe auseinanderbreche oder Frauen als Alleinerziehende für sich und ihre Kinder sorgen müssten.  „Frauenthemen sind keine Sozialromantik“, lautete Webers Appell an die Politik, entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen, um das Armutsrisiko von Frauen zu senken: Bezahlbarer Wohnraum, gute Bildung und Ausbildung aber auch Förderung, um wieder in den Beruf einzusteigen.

Barbara Emrich: „Jede Generation muss für das Erreichte arbeiten“

In diesem Sinne verwies Barbara Emrich auf Artikel 3 des Grundgesetzes: „Da ist festgeschrieben, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind“, so die städtische Gleichstellungsbeauftragte. „Aber es muss niemand glauben, dass dies immer so bleibt oder unabänderlich ist. Jede Generation muss für das Erreichte arbeiten und einstehen – auf der ganzen Welt.“

Schließlich trat Gastrednerin Ulrike Mascher ans Mikrofon. Die 80-jährige SPD-Politikerin ist Landesvorsitzende des Sozialverbandes VdK Bayern. „Oft ist Armut weiblich geprägt“, legte sie gleich zu Beginn ihrer Rede den Finger in die Wunde: „Am häufigsten trifft es Alleinerziehende und alte Frauen – sie können sich nicht aus eigener Kraft aus dieser Falle befreien.“

Lohnabstand zwischen Frauen und Männern beträgt 6 Prozent

Trotz guter Ausbildung wählten Frauen allzu oft einen sozialen Beruf, der schlecht bezahlt sei. Der Anteil an erwerbstätigen Frauen mit einem monatlichen Nettoeinkommen zwischen 500 und 1000 Euro liege bei 25 Prozent. Bei Gutverdienenden mit mehr als 5000 Euro liege der Frauenanteil nur bei 0,3 Prozent. „Der Lohnabstand zwischen Frauen und Männern beträgt bei gleicher Ausbildung und Qualifikation rund 6 Prozent. Ohne jede sachliche Begründung“, so Mascher.

Alleine Kinder zu erziehen, Lücken in der Erwerbstätigkeit oder die Pflege von Angehörigen seien häufig Gründe, warum Frauen verarmen. „Positiv war die Einführung des Mindestlohns“, sagte Mascher. „Der ist aber noch zu gering, um den Menschen eine Rente über dem Grundsicherungsniveau zu gewähren.“ Dazu müsse der Mindestlohn auf 12 Euro angehoben werden. Auch die Einführung der Mütterrente nannte sie eine gute Entscheidung, die eine schreiende Ungerechtigkeit bei der Anrechnung von Kindererziehungszeiten beseitigt hat.

Ulrike Mascher: „Es gilt, weiter zu kämpfen“

Aber: „Politische Entscheidungen sind keine physikalischen Gesetze, man kann sie verändern!“ Was die Frauen bislang erreicht haben, sei nicht selbstverständlich und dürfe nicht kleingeredet werden. „Es gilt, weiter zu kämpfen, damit Frauen gute Lebensbedingungen haben.“ (erz/rs)

Bis auf den letzten Platz war der Goldene Saal beim Frauenempfang besetzt.

Bürgermeisterin Eva Weber hielt eine pointierte Begrüßungsrede.

Ulrike Mascher vom VdK Bayern bei ihrem Gastvortrag.

Ein Zitat von Marie Juchacz, die 1919 als erste Frau eine Rede in der Weimarer Nationalversammlung hielt.