Augsburgs geheimnisvolle Unterwelt

20.10.2017 08:38 | Kultur, Welterbebewerbung

Kanäle, Bäche und Flüsse prägen unser Stadtbild. Mehr als 180 Kilometer Wasserläufe ziehen sich durch die Stadt. Die Kanäle der heutigen Altstadt waren maßgeblich für den wirtschaftlichen Aufschwung Augsburgs. Darum zählen sie zu den 22 Objekten der UNESCO-Welterbe-Bewerbung. Doch 700 Meter davon fallen aus der Reihe: Sie verlaufen unter den Häusern der Altstadt.

Mit Gummistiefeln und Taschenlampe geht es unter fachkundiger Führung hinunter in die geheimnisvolle Welt der unterirdischen Kanäle. Foto: Ruth Plössel/Stadt Augsburg

Wenn sich zwölf Journalisten in Gummistiefeln im Herzen der Altstadt einfinden, dann steht ein nicht alltäglicher Ortstermin an: Markus Haller vom Tiefbauamt führte die Gruppe dorthin, wo es noch verborgene Geheimnisse zu entdecken gibt – in die unterirdischen Kanäle im Lechviertel.

Der Herr über Augsburgs Kanäle und Schleusen hat für diesen Tag den Hinteren Lech gewählt. Den Wasserstand ließ er auf rund 10 Zentimeter absenken, was die Begehung einfacher macht. Ganz trocken werden die Kanäle nie gelegt. „Hier leben unglaublich viele Fische“, erklärt Haller.

Schon der Einstieg erfordert Mut: Über eine rund drei Meter lange Leiter geht es in die Tiefe. Und in die Dunkelheit. „Hier zwischen Jakobsstift und Schleifergässchen gibt es die schönsten Gewölbe“, macht Haller Lust auf den Gang ins Ungewisse.
 

Gewölbe aus vielen Epochen

Und tatsächlich: Backsteinerne Tonnengewölbe, imposante Kreuzgratgewölbe und preußische Kappengewölbe wechseln sich auf wenigen Metern ab. Sie sind in verschiedenen Epochen entstanden und zählen allesamt mehrere Jahrhunderte. Entstanden sind sie, als seinerzeit Häuser über die Kanäle gebaut wurden. Das Gewölbe unter dem Jakobsstift zum Beispiel stammt wahrscheinlich aus dem 18. Jahrhundert. „Die langen, schmalen Backsteine weisen auf diese Epoche hin“, sagt die Expertin Antonia Hager vom städtischen UNESCO-Bewerbungsbüro.
 

Carlo 1977 April 21

Die Taschenlampe bringt Erstaunliches an den Tag. Ein Bogen aus Backsteinen in der Wand deutet darauf hin, dass der Kanal hier einst Richtung Osten abzweigte, erklärt Hager. Ein paar Meter weiter ist die Mauer beschriftet. Handwerker, die die Wand einst mit Bitumen dicht machten, haben sich hier verewigt: „Carlo 1977 April 21“ steht da geschrieben – seit mehr als 40 Jahren.

Unsere Gummistiefel bahnen sich derweil den Weg durch allerlei „Strandgut“. Kleiderbügel, leere Flaschen, sogar ein (ebenfalls leerer) Geldbeutel liegen am Grund verstreut. Trotzdem sind gerade die verborgenen Kanäle ein wichtiger Lebensraum, für Fische ebenso wie für Muscheln und Insekten. Von letzterem zeugen die Abertausende von Spinnweben, die wie pittoreske Kunstwerke die gewölbte Decke zieren.
 

Überbaut wird kein Meter mehr

Es ist eine geheimnisvolle Welt hier unten, aber eine, die eher im Schrumpfen begriffen ist. „Wo es geht, decken wir die Kanäle auf“, sagt Haller. Wie zuletzt beim Alten Stadtbad. Überbaut wird kein Meter mehr davon. Bis in die 1970er-Jahre hat man noch Häuser über die Kanäle gesetzt. Dann begann die Rückbesinnung. Kilometer um Kilometer wurde aufgedeckt, bis dieses einzigartige System aus menschgemachten Wasserläufen das Stadtbild wieder bestimmte. Wie einst, als sich mehr als 160 Wasserräder in den Handwerksbetrieben im Lechviertel drehten.

Am Ende hatten die Journalisten imposante Bilder und Eindrücke gesammelt. Vielleicht tragen die Wasserläufe, durch die sie eben noch gewatet sind, schon bald den Titel „UNESCO Welterbe“. (rs)

Mehr Bilder finden Sie auf der Facebook-Seite der Stadt Augsburg.