Eine Delegation aus 15 UNESCO-Botschaftern unter Leitung der Welterbekomitee-Präsidentin Prof. Dr. Maria Böhmer besucht Augsburg.

Von den Römern bis heute

Schon in alttestamentlichen Zeiten bauten die Menschen Gräben, um das Wasser auf ihre Felder zu leiten. Noch in der Antike verstanden es die Baumeister, die Kanäle mit Steinplatten abzudecken oder gar unterirdisch anzulegen. Aber nirgendwo sonst wurde der Bau von künstlichen Wasserwegen derart zur Kunst erhoben wie in Augsburg.

Etwa 20 Kilometer südlich der Augsburger Stadtgrenzen liegt die Gemeinde Graben. Ihren Namen hat sie den alten Römern zu verdanken: Denn etwa auf Höhe der Gemarkung verlief ab etwa 20 nach Christus ein 2,5 Meter tiefer und bis zu 8 Meter breiter Kanal, der Brauchwasser bei Hurlach von der Singold abzweigte und insgesamt 35 Kilometer weit bis in die Siedlung Augusta Vindelicum leitete.
 

Die ganze Wasserkunst des römischen Reiches

400 Jahre lang versorgte dieser Kanal Wassermühlen, Handwerker, Thermen und Latrinen, rund 85 Millionen Liter pro Tag. Wissenschaftler gehen davon aus, dass die römischen Prachtbauten in der Hauptstadt der Provinz Raetien mit der ganzen Wasserkunst des damaligen Weltreichs ausgestattet waren. Ebenso, schreibt Stadtbaurat Franz Joseph Kollmann Mitte des 19. Jahrhunderts, dass Wassermühlen die Arbeit der römischen Handwerker erleichterten. Wahrscheinlich gab es am Lech sogar eine kleine Hafenanlage.

Kollmann war es auch, der die weiteren Schritte zur „Wasserhauptstadt“ dokumentierte. Im 8. Jahrhundert begannen die Augsburger, die frei mäandernden Bäche mit Holzwänden an den Ufern zu zähmen und zu lenken. Immer wieder wurde der Lech für neue Wasserläufe angestochen. Die Zahl der Wassermühlen und Wasserwerke wuchs. Um das Jahr 1000 soll am Hochablass eine erste Anlage Wasser in Kanäle eingeleitet haben. Leider gibt es dafür keine historischen Belege.
 

Vier Kanäle, vier Getreidemühlen

Genauer wird da schon das Augsburger Stadtrecht von 1276. Vier Kanäle flossen damals östlich der Stadtmauern. Sie wurden durch Wassermühlen wirtschaftlich genutzt, unter anderem in Form von vier Getreidemühlen. Flößer waren um 1300 auf Lech und Wertach unterwegs und transportierten Güter von den Alpen in die schwäbische Metropole. Immer mehr Lechkanäle durchzogen die Unterstadt. Das hatte gleich mehrere Vorteile.

Zum wirtschaftlichen Nutzen kam die Hygiene: Viele Abfälle, die anderswo vielleicht für Seuchen gesorgt hätten, flossen mit dem Wasser aus der Stadt heraus. Außerdem wurden die Kanäle im Brandfall zum Löschen benutzt. Und nicht zuletzt speisten diese Kanäle auch den Stadtgraben vor der heutigen Jakobervorstadt und trugen so zur Sicherheit innerhalb der Stadtmauern bei. Und nicht zuletzt fanden auch zahlreiche Fische den Weg in die Stadt und sorgten für Abwechslung auf dem Speiseplan der Augsburger.
 

Wasser treibt die Wirtschaft an

Im 14. Jahrhundert prosperierte die Augsburger Wirtschaft. Die Kanäle trieben immer größere Säge-, Öl- und Getreidemühlen an. Auch andere Handwerkszweige profitierten von der Wasserkraft. So wurde Augsburg früh zu einem Zentrum der Textil- und Papierproduktion – zwei Wirtschaftszweige, die Augsburg über Jahrhunderte prägten. Im Jahr 1761, schreibt der große Brunnenmeister Caspar Walter von 163 Wasserrädern im Stadtgebiet, die 93 Werke am laufen hielten, darunter auch eine Diamantenschleifmühle, vier Tabakmühlen und neun Silber-, Kupfer und Eisenhämmer.

Im frühen 15. Jahrhundert beginnt die Zeit der Wasserwerke. Zunächst entstanden 1412 die Wassertürme vor dem Schwibbogentor, ehe 1416 die Hebewerke am Roten Tor in Betrieb genommen wurden. Hier sollten Generationen von Brunnenmeistern ihren Sitz bekommen und die Augsburger Wasserkunst zur Perfektion treiben – und schließlich in ganz Europa bekannt machen.
 

Reinstes Trinkwasser statt Cholera

Die Brunnenmeister trennten das saubere Quellwasser vom Brauchwasser. Somit hatten die Augsburger reinstes Trinkwasser zur Verfügung. Zum Vergleich: In Hamburg holte man bis ins 19. Jahrhundert das Trinkwasser direkt aus der Elbe. So kam es noch 1892 zu einer Cholera-Epidemie, die mehr als 8600 Menschen das Leben kostete.

Zu jener Zeit war in Augsburg bereits das – wieder einmal – modernste Trinkwasserwerk seiner Zeit in Betrieb, das Wasserwerk am Hochablass. Es löste 1879 das Wasserwerk am Roten Tor ab, das mehr als 450 Jahre lang die Oberstadt versorgt hatte. Mit ihrer innovativen Technik schickten die gusseisernen Pumpen das Wasser mit einem Druck in die Leitung, der einem Wasserturm von 50 Metern Höhe entsprach.
 

Strom aus Wasser lockt neue Industriezweige

Als die Welt Ende des 19. Jahrhunderts elektrifiziert wurde, zögerte Augsburg noch. Die Stadtbeleuchtung war noch gasbetrieben, der Druck seitens der Unternehmen noch nicht so hoch. Doch mit dem Jahrhundertwechsel ging die Stadt einmal mehr voraus: Auf Höhe Gersthofen wurde ein neuer Kanal vom Lech abgestochen, der ein neues Wasserkraftwerk speiste. 1901 ging es in Betrieb und zog neue Industriezweige an den Lech. Sechs Jahre später entstand ein paar Kilometer weiter das zweite Kraftwerk der Lech-Elektrizitätswerke AG auf Höhe Langweid.

Doch der Bedarf an Elektrizität wuchs immer mehr. Der Kanal wurde noch einmal verlängert und trieb ab 1922 auch bei Meitingen die Turbinen zur Stromerzeugung an. Viele kleine Wasserkraftwerke im Stadtgebiet folgten. Nicht nur an Lech und Wertach, auch an den kleinen Altstadtkanälen sind noch heute zahlreiche Kraftwerke in Betrieb.

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