Reichenbach'sche Wassermaschine. Foto: Martin Kluger

Pioniere der Wassertechnik

Sie waren die großen Ingenieure ihrer Zeit: die Brunnenmeister. Als gelernte Zimmerleute kannten Sie den Werkstoff Holz in- und auswendig und wussten ihn auch für die Wasserversorgung gekonnt einzusetzen. Ganz Europa schaute staunend auf die Kunstfertigkeit der Augsburger Brunnenmeister, die ihr Wissen weit über die Stadt- und Reichsgrenzen hinaus exportierten.

Wenn der Mensch die Elemente beherrschen will, muss er kreativ sein. Für das Wasser gilt das ganz besonders, ist es doch die Lebensgrundlage schlechthin. Schon die alten Römer legten Kanäle und Aquädukte an und sorgten mit Warmwasser-Fußbodenheizungen für Behaglichkeit.

Übertroffen wurde ihr Innovationsgeist erst im ausgehenden Mittelalter von den Augsburger Brunnenmeistern. Jahrhundertelang tüftelten sie immer wieder neue Techniken aus, um das Trinkwasser in die Brunnen, später auch direkt in die Häuser der Stadtbürger zu befördern. Keine leichte Aufgabe, liegt die Oberstadt mit der prunkvollen Maximilienstraße doch gute 12 Meter über der Stelle, wo der Brunnenbach die Stadtmauer durchquert.
 

Wasser überquert Wasser

Allein dieses Merkmal zeugt vom Erfindergeist der Brunnenmeister. Damit sich das reine Quellwasser nicht mit dem verunreinigten Stadtgraben vermischt, fließt es in einer Kanalbrücke über diesen hinweg. Im Aqädukt blieben Brunnenbach (Trinkwasser) und Lochbach (Lechwasser) durch eine Spundwand getrennt. Letzterer hieß ab hier Vorderer Lech und speiste das Kanalsystem in der Altstadt, während Ersterer über immer wieder neu konstruierte Pumpensysteme in die Wassertürme gehoben und durch ein kilometerlanges Deichel-Netz in die Brunnen und Patrizier-Häuser transportiert wurde.

Machina Augustana. Foto: Martin KlugerJeder Brunnenmeister setzte auf das Wissen seines Vorgängers auf und versuchte dessen Technik weiter zu verfeinern. Die archimedischen Schrauben etwa waren bereits im antiken Griechenland bekannt. Zum Heben von Trinkwasser in die Wassertürme wurden sie jedoch erstmals in Augsburg installiert.

Im Unteren Brunnenturm waren sieben dieser Wasserschnecken übereinander angeordnet. Das sorgte für Aufsehen. Der Mailänder Gelehrte Hieronymus Cardanus ließ 1554 in Basel eine detailgetreue Abbildung und Erklärung der „Machina Augustana“ (siehe Abbildung links) drucken und machte sie so europaweit bekannt.
 

Export in alle Himmelsrichtungen

In den Folgejahren exportierten die Augsburger Brunnenmeister ihr Wissen in alle Himmelsrichtungen. David Hertlein baute zwischen 1560 bis 1567 ein Wasserwerk in Stuttgart, Hans Reisinger brachte die Augsburger Wasserkunst 1568 nach Wien und leistete 1572 Entwicklungshilfe in München. Jörg Sommer errichtete 1594 ein spektakuläres Wasserwerk in Rothenburg ob der Tauber mit rund 50 Meter hohen Wassertürmen. Georg Müller war von 1601 bis 1603 gar in Brüssel im Einsatz. Insgesamt sind im Zeitraum von 1560 bis 1603 durch den Kasseler Historiker Albrecht Hoffmann 19 Fälle dokumentiert, in denen Brunnenmeister und Stadtgießer aus Augsburg im In- und Ausland tätig waren.

Auch in der anderen Richtung funktionierte der Wissensfluss. Bis aus Rom, Venedig, London oder Paris reisten Experten, Fürsten und Kardinäle nach Augsburg, um sich von der Leistungsfähigkeit des Augsburger Wasserversorgungssystems zu überzeugen. Der französische Reiseschriftsteller Michel de Montaigne beschreibt die Faszination des Wasserwerks am Roten Tor in einem 1580 verfassten Kapitel seines „Journal du voyage (...) en Italie, par Suisse et l'Allemagne“ – ein pathetisches Loblied auf die Kunstfertigkeit der Brunnenmeister.
 

Wissen für künftige Generationen erhalten

Deren Größter war freilich Caspar Walter (1701 - 1769). Er ersetzte die archimedischen Schrauben durch wesentlich leistungsfähigere Pumpenwerke, angetrieben durch hölzerne Wasserräder. Immer weiter verfeinerte er seine Technik, erhöhte die Wirkung der Pumpen beispielsweise durch den Einbau von Kurbelwellen.

Wie seine Vorgänger war sich Walter der Beispielhaftigkeit seiner Arbeit bewusst. Er bildete seine Maschinen als hölzerne, voll funktionsfähige Modelle im Maßstab 1:12 oder 1:16 nach, um sein Wissen weiterzugeben und für künftige Generationen zu erhalten. Die meisten seiner Modelle blieben erhalten und können heute in der Modellkammer im Augsburger Maximilianmuseum bestaunt werden.

Nicht nur in der künstlerischen Gestaltung der Prachtbrunnen wurde der Wohlstand der Reichsstadt Augsburg sichtbar – auch im Inneren der Wasserwerke, etwa in dem an Kirchenkunst erinnernden Stuck am Deckengewölbe des Kleinen Wasserturms. Ein Ausdruck von überschäumendem Selbstbewusstsein, der die zahlreichen Besucher aus ganz Europa in Staunen versetzt haben mag.
 

Hoher künstlerischer Anspruch

Der hohe künstlerische Anspruch an die Wasser-Architektur überlebte bis ins 19. und frühe 20. Jahrhundert. Das historische Wasserwerk am Hochablass (1879) gleicht in seiner Bauweise ebenso einem Schlösschen wie die beiden ersten Wasserkraftwerke im Norden der Stadt, auf Höhe Gersthofen (1901) und Langweid (1907). 

Erst das 1922 in Betrieb genommene dritte Kraftwerk bei Meitingen fällt eher in die Kategorie „Zweckbau“ – allerdings auch hier mit zukunftsweisender Technik: Die Maschinensätze von 1922 sind noch heute in Betrieb.

 

 

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