Besuch der UNESCO-Delegation. Foto: Siegfried Kerpf

Die Bewerbung: Was Augsburg weltweit einmalig macht

Wasserbau und Wasserkraft, Trinkwasser und Brunnenkunst - unter diesem Dach bewirbt sich die Stadt Augsburg um den Titel UNESCO-Welterbe. Klar, Augsburg ist Römerstadt, Fugger- und Welserstadt, Brechtstadt, Friedensstadt und vieles mehr. Dass Augsburg in erster Linie jedoch eine Wasserstadt ist, wo sich das Thema Wasser von der Stadtgründung zwischen Lech und Wertach bis heute wie ein roter Faden durchzieht, ja sozusagen die DNA, also der genetische Code ist, das war lange Zeit so niemandem richtig bewusst.

  

Erst als vor gut acht Jahren der Augsburger Verleger und Historiker Martin Kluger begann, das Thema systematisch zu erforschen, wurde schnell das Stadtprofil sichtbar, nach dem Politiker sowie Marketing und Tourismusexperten jahrzehntelang gesucht hatten und das Augsburg nun sogar zum Welterbe-Kandidaten macht. Sicher kennen die Augsburger die Kanäle im Lechviertel, besuchen das Ausflugsziel Hochablass und freuen sich über die Kulisse der Wassertürme am Roten Tor. Doch warum das Augsburger Wassersystemweltweit einmalig ist, diesesWissen musste und muss erst noch reifen.

Früh wie keine andere Stadt

Grundlage der Bewerbung als UNESCO-Welterbe unter dem Titel „Wasserbau und Wasserkraft, Trinkwasser und Brunnenkunst in Augsburg“ist das System der Wasserwirtschaft vom Beginn des 15. Jahrhunderts bis Anfang des20. Jahrhunderts. So früh wie wahrscheinlich in keiner anderen Stadt wurde in Augsburgdas Trinkwasser vom Treibwasser getrennt, was vor allem in hygienischer Hinsicht ein enormer Fortschritt war. Fast gleichzeitig kamen die Augsburger aufgrund dieser Trennung darauf, Wasser mit Wasser zu heben. Sprich, jahrhundertelang wurde Treibwasser benutzt, um Trinkwasser über wasserradgetriebene Kolbenpumpen in die Spitze der Wassertürme zu pumpen. Von dort aus konnte das Trinkwasser nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren in die Oberstadt befördert werden. All diese Alleinstellungsmerkmale führten schon jetzt dazu, dass Augsburg ganz oben steht auf der Liste der deutschen Bewerber für das UNESCO Welterbeprädikat.

Das Besondere an diesemWassersystem ist aber auch, dass es sich technisch immer weiterentwickelte und bis heute für eine exzellente Trinkwasserqualität steht. Der Wasserreichtum und sein Umgang damit kamen Handel und Industrie zugute und ermöglichten großartige Leistungen auf dem Gebiet der Kunst und des Kunsthandwerks. Sichtbarster Ausdruck hierfür sind Augustus-, Merkur-und Herkulesbrunnen. Sollte die UNESCO im Sommer2019 dies bei ihrer Entscheidung genauso sehen, bekäme Augsburg mit dem Prädikat Weltkulturerbe eine Auszeichnung, die nach innen und nach außen wirkt und der Identität unserer Stadt wirklich entspricht.

Die Bereiche der Welterbe-Bewerbung

Vier Bereiche bilden in Augsburg ein komplexes wasserwirtschaftliches System mit bedeutenden technischen, architektonischen und industriearchäologischen Denkmälern aus der Zeit vom 15. bis zum frühen 20. Jahrhundert –die 22 Objekte. Um dieses einzigartige System zu schützen und für die ganze Weltsichtbar zu machen, bewirbt sich die Stadt um den TitelUNESCO-Welterbe.

Wasserbau

Augsburg profitiert über Jahrhunderte durch die außergewöhnliche Lage zwischen Lech und Wertach und den Wasserreichtum im Lechauenwald. Seit Mitte des 8. Jahrhunderts ziehen sich künstliche Wasserläufe durch die Stadt. Sie lieferten unter anderem Brauchwasser, waren Kühlsystem und Transportwege für Baumaterial und Brennholz. Sie lieferten die Antriebskraft für Mühlen, waren Rohstofflieferanten und entsorgten Abfall. Das Wasserwerk am Roten Tor diente von 1416 bis 1879 der Trinkwasserversorgung.Der Hochablass wurde erstmals Mitte des 14. Jahrhunderts erwähnt und die künstliche Kanustrecke am Hochablass entstand für Olympia 1972.

Wasserkraft

Im 14. Jahrhundert wächst und gedeiht die Augsburger Wirtschaft. So wurde die Stadt früh zu einem Zentrum der Textil- und Papierproduktion– zwei Wirtschaftszweige, die Augsburg über Jahrhunderte prägten. Im frühen 15. Jahrhundert entstanden die Wassertürme vor dem Schwibbogentor, im Jahr1416 die Hebewerke am RotenTor. Im 19. Jahrhundert wurde Augsburg zu einem wichtigenStandortfaktor für die Industrie:Turbinen sorgen ab 1840 für Energie. Damit begann derAufstieg der Textilindustrie (AKS, SWA), der Papierindustrie sowie des Maschinen undTurbinenbaus (Haindl,Riedinger, MAN).

Trinkwasser

Schon die Römer leiteten aus der Singold nahe Igling Wasser nach Augusta Vindelicum. Die Besonderheit in Augsburg war aber – bereits im 15. Jahrhundert– die Trennung von Trink- und Brauchwasser. Eine Spundwand aus Holz trennte Trink- und Brauchwasser auf ihrem Weg in die Stadt.1879 ging das Wasserwerk am Hochablass mit innovativer Technik für moderne Trinkwasserversorgung an denStart. Noch heute gibt es 17 Trinkwasserbrunnen im Stadtgebiet. Die Stadtwerke Augsburg versorgen mit rund 80 Brunnen etwa 310 000 Menschen mit Trinkwasser. Und die Qualität ist nach wie vor hervorragend.

Brunnenkunst

Ende des 16. Jahrhunderts verfügt die Stadt Augsburg über eine weltweit einzigartige Trias repräsentativer Monumentalbrunnen. So wurde der Augustusbrunnen nach Modellen des niederländischen Bildhauers Hubert Gerhard von dem Stadtgießer Peter Wagner gegossen. In den Jahren von 1596 bis1600 wurden der Herkules und der Merkurbrunnen von Adriaen de Vries entworfen und danach vom Augsburger Stadtgießer Wolfgang Neidhardt in Augsburg gegossen .Der Merkur- und der Herkulesbrunnen dienten zu Zeiten ihrer Errichtung der öffentlichen Trinkwasserversorgung.

Die Chronologie der Bewerbung

Erste Gedanken zu einer städtischen Bewerbung um den Titel UNESCO-Weltkulturerbe reiften im Jahr 2010 zu einer konkreten Vision: Die einzigartige historische Wasserwirtschaft und Wasserkunst soll Augsburg in den Rang einer Weltkulturerbe-Stätte heben. Von da an ging alles ganz schnell. Hier die Chronologie der Bewerbung in den wichtigsten Schritten:

2011

24.02.2011

Der Stadtrat gibt den offiziellen Startschuss: Augsburg bewirbt sich mit einer Interessensbekundung um die Aufnahme in die bayerische Vorschlagsliste

2012

28.06.2012

Der Stadtrat lässt die Interessensbekundung überarbeiten und erweitern. Basis dafür ist die gutachterliche Empfehlung der vom Bayerischen Kunstministerium eingesetzten Expertenkommission. Gleichzeitig erhält der Augsburger context verlag mit seinem Leiter Martin Kluger den Auftrag, ein begleitendes Fachbuch zu erstellen.

10.07.2012

Die Stadt Augsburg reicht die Interessensbekundung ein.

23.07.2012

Der Goldene Saal bildet den Rahmen für die offizielle Auftaktveranstaltung. Dabei wird auch das Buchprojekt von Martin Kluger präsentiert.

07.12.2012

Der Bayerische Umweltminister Marcel Huber sichert der Stadt Augsburg eine staatliche Unterstützung in Höhe von 25.000 Euro für die Bewerbungsaktivitäten zu.

2013

Das Thema rückt immer weiter in die Mitte der Verwaltung und der Stadtgesellschaft – unter anderem durch diese Aktivitäten:

  • Ein Beirat und eine Steuergruppe werden gebildet
  • Das Freiwilligenzentrum wird eingebunden
  • Die erstmals abgehaltenen Augsburger Wassertage finden großen Anklang. Jeden 1. Sonntag der Monate Mai bis Oktober können interessierte Bürger den außergewöhnlichen universellen Wert der Augsburger Wasserwirtschaft seither hautnah erleben.
  • Die bereits eingereichte Interessensbekundung wird noch einmal nachgebessert.
  • Für einen Neubau des 2012 abgebauten Wasserrades am Schwallech werden Spenden gesammelt.

15.06.2013

Die Lange Kulturnacht steht unter dem Motto „Die lange Nacht des Wassers“

02.11.2013

Der Fachbeirat der Kultusministerkonferenz zu Evaluierung der Vorschläge für die Deutsche Tentativliste nimmt die Inhalte der Augsburger Bewerbung unter die Lupe. Unter anderem stehen die Modellkammer und die Brunnenfiguren im Maximilianmuseum, die Wassertürme am Roten Tor, der Hochablass und die Lechkanäle auf dem Programm.

07.11.2013

In der Haag-Villa findet das 1. Symposium „Faszination Wasser“ mit ausgewählten Fachvorträgen statt.

2014

12.06.2014

Die Deutsche Kulturministerkonferenz beschließt: Die Bewerbung der Stadt Augsburg wird auf Platz 3 der Deutschen Tentativliste gesetzt!

2015

16.04.2015

Das Bayerische Kultusministerium teilt der Stadt Augsburg in einem Schreiben den zeitlichen Fahrplan mit: Im Sommer 2017 soll die Bewerbung zur Vorprüfung abgegeben werden; die finale Einreichung soll bis zum 01.02.2018 erfolgen.

04.05.2015

Prof. Dr. Maria Böhmer, Staatsministerin im Auswärtigen Amt und damalige Präsidentin des UNESCO-Welterbekomitees, besucht gemeinsam mit 15 UNESCO Botschaftern und Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth die Stadt Augsburg, um die Bewerbungsinhalte aus nächster Nähe kennenzulernen.

05.07.2015

Das neu erbaute, aus Spenden finanzierte Wasserrad am Schwallech wird feierlich in Betrieb genommen.

29.07.2015

Der Stadtrat beauftragt das Büro scheuvens+wachten mit der Erstellung eines Managementplans

09.10.2015

Im Liliom findet das 2. Symposium „Faszination Wasser“ statt.

02.11.2015

Das Büro für Industriearchäologie Darmstadt mit seinem Leiter Rolf Höhmann wird mit der Erstellung von industriearchäologischen Untersuchungen beauftragt.

2016

11.–03.04.2016

Im Augustanasaal und im Stadtwerkesaal findet die öffentliche Fachtagung zur Augsburger Bewerbung im internationalen Vergleich statt

15.03.2016

Der Kulturausschuss beschließt die Durchführung einer Sonderausstellung der Kunstsammlungen im Jahr 2018.

10.05.2016

Der Kulturausschuss beauftragt das Büro für Industriearchäologie Darmstadt (in Kooperation mit planinghaus-Architekten Darmstadt) mit der Erstellung des Welterbeantrags bzw. des Nominierungsdossiers.

06.10.2016

Der Organisationsausschuss beschließt die Einrichtung des „Bewerbungsbüro UNESCO-Welterbe“ unter der Leitung von Ulrich Müllegger.

2017

Am 1. August soll die Bewerbung bei der Kultusministerkonferenz zur Vorprüfung abgegeben werden.

2018

Bis zum 01.02.2018 muss die Bewerbung endgültig eingereicht werden.

Das ist die UNESCO

Die UNESCO (englisch: United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization; deutsch: Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur) ist eine Internationale Organisation. Sie zählt zu den 17 rechtlich selbstständigen Sonderorganisationen der Vereinten Nationen. Sie hat ihren Sitz in Paris (Frankreich). Derzeit sind 195 Staaten in der UNESCO vertreten. Die 193 Staaten der UNO sind mit Ausnahme von Liechtenstein allesamt UNESCO-Mitglieder, dazu die nicht in der UNO vertretenen Cookinseln, Niue und die Palästinensischen Autonomiegebiete. Außerdem zählt die UNESCO 9 assoziierte Mitglieder.

Zu den Aufgabengebieten der UNESCO gehört die Förderung von Erziehung, Wissenschaft und Kultur sowie Kommunikation und Information. Der Gründungsvertrag trat am 4. November 1946 nach der Ratifikation durch 20 Staaten in Kraft. Erster Generaldirektor war Julian Huxley.

Die Verfassung der UNESCO wurde am 16.11.1945, ein halbes Jahr nach dem Ende des 2. Weltkriegs, von 37 Staaten in London unterzeichnet. In der Präambel ist die Leitidee der UNESCO wie folgt formuliert:

„Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden.“

Aus der Erfahrung des Zweiten Weltkrieges zogen die Gründerstaaten die Lehre:

„Ein ausschließlich auf politischen und wirtschaftlichen Abmachungen von Regierungen beruhender Friede kann die einmütige, dauernde und aufrichtige Zustimmung der Völker der Welt nicht finden. Friede muss – wenn er nicht scheitern soll – in der geistigen und moralischen Solidarität der Menschheit verankert werden.“
 

Die Welterbeliste der UNESCO

Die UNESCO verleiht den Titel „Welterbe“ (Weltkulturerbe und Weltnaturerbe) an Stätten, die aufgrund ihrer Einzigartigkeit, Authentizität und Integrität weltbedeutend sind. Die Stätten werden von den Staaten, in denen sie liegen, für den Titel vorgeschlagen. Grundlage für den Welterbe-Titel ist die Welterbekonvention. Sie wurde im Jahr 1972 von 190 Staaten und Gebieten ratifiziert.

Auf der ersten Welterbe-Liste aus dem Jahr 1978 war mit dem Aachener Dom auch eine deutsche Stätte vertreten. Aktuell (Stand 01.02.2017) umfasst die UNESCO-Liste des Welterbes 1052 Denkmäler in 165 Ländern. 34 Stätten erstrecken sich über politische Staatsgrenzen hinweg auf mehrere Staaten. 814 Stätten gelten als Weltkulturerbe, 203 Stätten zählen zum Weltnaturerbe. 35 Stätten tragen das Attribut „Mixed“, sind also sowohl Kultur- wie auch Naturerbe.
 

UNESCO-Welterbe in Deutschland

In Deutschland werden 41 Welterbestätten geführt, dazu kommen 21 Beiträge zum Weltdokumentenerbe. Damit ist Deutschland der Staat mit den fünftmeisten Welterbetiteln. Kein anderes Land zählt mehr grenzübergreifende Welterbestätten, nämlich sechs.

In Deutschland stellen die Bundesländer die Anträge auf den Welterbetitel. Wer den Titel anstrebt, reicht seine Interessensbekundung beim jeweiligen Kultusministerium ein. Die Deutsche Kultusministerkonferenz trägt die Vorschläge aus den einzelnen Bundesländern zu einer einheitlichen deutschen Vorschlagsliste, der Tentativliste, zusammen. Diese Liste wird dem UNESCO-Welterbekomitee zur Entscheidung vorgelegt.

Als Bindeglied Deutschlands zur UNESCO gilt die Deutsche UNESCO-Kommission. Sie berät den Staat in allen Fragen zur Mitgliedschaft in der UNESCO. Ihre Arbeitsschwerpunkte entsprechen den vier Programmbereichen der UNESCO: Bildung, Wissenschaft, Kultur sowie Kommunikation und Information.

Quellen:

www.unesco.de

www.unesco.org

www.wikipedia.de

Literatur zum Thema

Bücher

  • Wasserbau und Wasserkraft, Trinkwasser und Brunnenkunst in Augsburg. Die historische Augsburger Wasserwirtschaft und ihre Denkmäler im europaweiten Vergleich – 2013, Martin Kluger, www.context-mv.de
  • Augsburgs historische Wasserwirtschaft. Der Weg zum UNESCO-Welterbe – 2015, Martin Kluger, www.context-mv.de

Führer

Weiteres Informationsmaterial

 

 

Die Augsburger UNESCO-Welterbe-Bewerbung wird unterstützt von

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