Besuch der UNESCO-Delegation. Foto: Siegfried Kerpf

Die Bewerbung

Wasserbau und Wasserkraft, Trinkwasser und Brunnenkunst - unter diesem Dach bewirbt sich die Stadt Augsburg um den Titel UNESCO-Welterbe. Doch braucht es wirklich vier Begriffe, um das Thema zu umschreiben? Ja, denn die Wasserversorgung der Stadt Augsburg brachte im Lauf der Jahrhunderte immer wieder neue Facetten hervor und setzte europaweit neue Standards.

Bis heute prägen Innovationsgeist und Wasserkunst unser Stadtbild. Mit Prachtbrunnen, Wasserkraftwerken, Wassertürmen und Kanälen. Um dieses einzigartige System der Augsburger Wasserwirtschaft zu schützen und für die ganze Welt sichtbar zu machen, bewirbt sich die Stadt um den Titel UNESCO-Welterbe.

Was mit einer römischen Wasserleitung vor 2000 Jahren begann, fand in der frühen Neuzeit mit den großen Brunnenmeistern um Caspar Walter ihren Höhepunkt und wirkt bis heute in jeden Winkel der Stadt. Bereits im Mittelalter war der Reichtum an reinem Trinkwasser in den südlich gelegenen Wäldern bekannt. Dieses wurde in die Stadt geleitet und mit höchster Ingenieurskunst über kunstvoll ausgestaltete Wassertürme in ganz Augsburg verteilt – immer streng getrennt vom Brauchwasser, das man über ein ausgeklügeltes Kanalsystem vom Lech abzweigte.
 

Wasser war das beste Argument

Dieser üppige Reichtum an Wasser war es, der die Stadt im 16. Jahrhundert zu unermesslichem Reichtum erhob. Dutzende Wasserräder drehten sich im Lechviertel und kurbelten die Handwerksstätten und Produktionsbetriebe an. Die reichen Patrizier zeigten sich dankbar, was sie nicht zuletzt durch die drei spektakulären Prachtbrunnen in der Stadtmitte ausdrückten.

Als die Industrialisierung einsetzte, waren die vorhandenen Kanalstrukturen das beste Argument Augsburgs für zahlreiche Unternehmensansiedlungen. Der Aufschwung zur Textil-Metropole wäre ohne das allgegenwärtige Wasser nicht denkbar gewesen.
 

Wasser bestimmt noch immer das Stadtbild

Noch heute profitieren die Augsburger von den Leistungen der einstigen Stadtväter. Die Kanäle bestimmen nach wie vor das Bild der Altstadt, zahlreiche Kraftwerke versorgen die Stadt mit ökologischem Strom. Aus dem Eiskanal wurde die bekannteste Kanuslalom-Strecke der Welt. Das Trinkwasser hat heute noch die gleiche ausnehmend hohe Qualität wie vor Jahrhunderten.

Dieses komplexe, beispiellose System, das sich über mehr als 25 Kilometer vom Lochbachanstich im Süden bis zum Wasserkraftwerk Meitingen im Norden erstreckt und über viele Jahrhunderte gewachsen ist, gilt es nun für die ganze Welt zu öffnen und zu erhalten.
 

Bislang erst zwei UNESCO-Welterbestätten zum Thema Süßwasser

Tatsächlich finden sich auf der UNESCO-Liste der Welterbestätten nur zwei Güter, die sich ebenfalls um das Thema Süßwasser drehen: Die Oberharzer Wasserwirtschaft, ein System zur Energiegewinnung im Bergbau, und das historische Hydrauliksystem von Shushtar im Iran, das zur Bewässerung der wüstenartigen Region diente.

Die Einzigartigkeit der Augsburger Bewerbung zeigt sich jedoch in der zeitlichen Kontinuität und Nachvollziehbarkeit der Bedeutung, Nutzung und Bewirtschaftung des Wassers über einen Zeitraum von rund 2000 Jahren. Dazu strahlte die Augsburger Wasserkunst nach ganz Europa aus und wurde vielfach imitiert. Die Architektur- und Technikdenkmäler vergangener Jahrhunderte sind großteils erhalten und prägen noch heute das Stadtbild. Augsburg lebt und liebt das Wasser – heute genauso wie zu Caspar Walters Zeiten.

Die Chronologie der Bewerbung

Erste Gedanken zu einer städtischen Bewerbung um den Titel UNESCO-Weltkulturerbe reiften im Jahr 2010 zu einer konkreten Vision: Die einzigartige historische Wasserwirtschaft und Wasserkunst soll Augsburg in den Rang einer Weltkulturerbe-Stätte heben. Von da an ging alles ganz schnell. Hier die Chronologie der Bewerbung in den wichtigsten Schritten:

2011

24.02.2011

Der Stadtrat gibt den offiziellen Startschuss: Augsburg bewirbt sich mit einer Interessensbekundung um die Aufnahme in die bayerische Vorschlagsliste

2012

28.06.2012

Der Stadtrat lässt die Interessensbekundung überarbeiten und erweitern. Basis dafür ist die gutachterliche Empfehlung der vom Bayerischen Kunstministerium eingesetzten Expertenkommission. Gleichzeitig erhält der Augsburger context verlag mit seinem Leiter Martin Kluger den Auftrag, ein begleitendes Fachbuch zu erstellen.

10.07.2012

Die Stadt Augsburg reicht die Interessensbekundung ein.

23.07.2012

Der Goldene Saal bildet den Rahmen für die offizielle Auftaktveranstaltung. Dabei wird auch das Buchprojekt von Martin Kluger präsentiert.

07.12.2012

Der Bayerische Umweltminister Marcel Huber sichert der Stadt Augsburg eine staatliche Unterstützung in Höhe von 25.000 Euro für die Bewerbungsaktivitäten zu.

2013

Das Thema rückt immer weiter in die Mitte der Verwaltung und der Stadtgesellschaft – unter anderem durch diese Aktivitäten:

  • Ein Beirat und eine Steuergruppe werden gebildet
  • Das Freiwilligenzentrum wird eingebunden
  • Die erstmals abgehaltenen Augsburger Wassertage finden großen Anklang. Jeden 1. Sonntag der Monate Mai bis Oktober können interessierte Bürger den außergewöhnlichen universellen Wert der Augsburger Wasserwirtschaft seither hautnah erleben.
  • Die bereits eingereichte Interessensbekundung wird noch einmal nachgebessert.
  • Für einen Neubau des 2012 abgebauten Wasserrades am Schwallech werden Spenden gesammelt.

15.06.2013

Die Lange Kulturnacht steht unter dem Motto „Die lange Nacht des Wassers“

02.11.2013

Der Fachbeirat der Kultusministerkonferenz zu Evaluierung der Vorschläge für die Deutsche Tentativliste nimmt die Inhalte der Augsburger Bewerbung unter die Lupe. Unter anderem stehen die Modellkammer und die Brunnenfiguren im Maximilianmuseum, die Wassertürme am Roten Tor, der Hochablass und die Lechkanäle auf dem Programm.

07.11.2013

In der Haag-Villa findet das 1. Symposium „Faszination Wasser“ mit ausgewählten Fachvorträgen statt.

2014

12.06.2014

Die Deutsche Kulturministerkonferenz beschließt: Die Bewerbung der Stadt Augsburg wird auf Platz 3 der Deutschen Tentativliste gesetzt!

2015

16.04.2015

Das Bayerische Kultusministerium teilt der Stadt Augsburg in einem Schreiben den zeitlichen Fahrplan mit: Im Sommer 2017 soll die Bewerbung zur Vorprüfung abgegeben werden; die finale Einreichung soll bis zum 01.02.2018 erfolgen.

04.05.2015

Prof. Dr. Maria Böhmer, Staatsministerin im Auswärtigen Amt und damalige Präsidentin des UNESCO-Welterbekomitees, besucht gemeinsam mit 15 UNESCO Botschaftern und Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth die Stadt Augsburg, um die Bewerbungsinhalte aus nächster Nähe kennenzulernen.

05.07.2015

Das neu erbaute, aus Spenden finanzierte Wasserrad am Schwallech wird feierlich in Betrieb genommen.

29.07.2015

Der Stadtrat beauftragt das Büro scheuvens+wachten mit der Erstellung eines Managementplans

09.10.2015

Im Liliom findet das 2. Symposium „Faszination Wasser“ statt.

02.11.2015

Das Büro für Industriearchäologie Darmstadt mit seinem Leiter Rolf Höhmann wird mit der Erstellung von industriearchäologischen Untersuchungen beauftragt.

2016

11.–03.04.2016

Im Augustanasaal und im Stadtwerkesaal findet die öffentliche Fachtagung zur Augsburger Bewerbung im internationalen Vergleich statt

15.03.2016

Der Kulturausschuss beschließt die Durchführung einer Sonderausstellung der Kunstsammlungen im Jahr 2018.

10.05.2016

Der Kulturausschuss beauftragt das Büro für Industriearchäologie Darmstadt (in Kooperation mit planinghaus-Architekten Darmstadt) mit der Erstellung des Welterbeantrags bzw. des Nominierungsdossiers.

06.10.2016

Der Organisationsausschuss beschließt die Einrichtung des „Bewerbungsbüro UNESCO-Welterbe“ unter der Leitung von Ulrich Müllegger.

2017

Am 1. August soll die Bewerbung bei der Kultusministerkonferenz zur Vorprüfung abgegeben werden.

2018

Bis zum 01.02.2018 muss die Bewerbung endgültig eingereicht werden.

Das ist die UNESCO

Die UNESCO (englisch: United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization; deutsch: Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur) ist eine Internationale Organisation. Sie zählt zu den 17 rechtlich selbstständigen Sonderorganisationen der Vereinten Nationen. Sie hat ihren Sitz in Paris (Frankreich). Derzeit sind 195 Staaten in der UNESCO vertreten. Die 193 Staaten der UNO sind mit Ausnahme von Liechtenstein allesamt UNESCO-Mitglieder, dazu die nicht in der UNO vertretenen Cookinseln, Niue und die Palästinensischen Autonomiegebiete. Außerdem zählt die UNESCO 9 assoziierte Mitglieder.

Zu den Aufgabengebieten der UNESCO gehört die Förderung von Erziehung, Wissenschaft und Kultur sowie Kommunikation und Information. Der Gründungsvertrag trat am 4. November 1946 nach der Ratifikation durch 20 Staaten in Kraft. Erster Generaldirektor war Julian Huxley.

Die Verfassung der UNESCO wurde am 16.11.1945, ein halbes Jahr nach dem Ende des 2. Weltkriegs, von 37 Staaten in London unterzeichnet. In der Präambel ist die Leitidee der UNESCO wie folgt formuliert:

„Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, muss auch der Frieden im Geist der Menschen verankert werden.“

Aus der Erfahrung des Zweiten Weltkrieges zogen die Gründerstaaten die Lehre:

„Ein ausschließlich auf politischen und wirtschaftlichen Abmachungen von Regierungen beruhender Friede kann die einmütige, dauernde und aufrichtige Zustimmung der Völker der Welt nicht finden. Friede muss – wenn er nicht scheitern soll – in der geistigen und moralischen Solidarität der Menschheit verankert werden.“
 

Die Welterbeliste der UNESCO

Die UNESCO verleiht den Titel „Welterbe“ (Weltkulturerbe und Weltnaturerbe) an Stätten, die aufgrund ihrer Einzigartigkeit, Authentizität und Integrität weltbedeutend sind. Die Stätten werden von den Staaten, in denen sie liegen, für den Titel vorgeschlagen. Grundlage für den Welterbe-Titel ist die Welterbekonvention. Sie wurde im Jahr 1972 von 190 Staaten und Gebieten ratifiziert.

Auf der ersten Welterbe-Liste aus dem Jahr 1978 war mit dem Aachener Dom auch eine deutsche Stätte vertreten. Aktuell (Stand 01.02.2017) umfasst die UNESCO-Liste des Welterbes 1052 Denkmäler in 165 Ländern. 34 Stätten erstrecken sich über politische Staatsgrenzen hinweg auf mehrere Staaten. 814 Stätten gelten als Weltkulturerbe, 203 Stätten zählen zum Weltnaturerbe. 35 Stätten tragen das Attribut „Mixed“, sind also sowohl Kultur- wie auch Naturerbe.
 

UNESCO-Welterbe in Deutschland

In Deutschland werden 41 Welterbestätten geführt, dazu kommen 21 Beiträge zum Weltdokumentenerbe. Damit ist Deutschland der Staat mit den fünftmeisten Welterbetiteln. Kein anderes Land zählt mehr grenzübergreifende Welterbestätten, nämlich sechs.

In Deutschland stellen die Bundesländer die Anträge auf den Welterbetitel. Wer den Titel anstrebt, reicht seine Interessensbekundung beim jeweiligen Kultusministerium ein. Die Deutsche Kultusministerkonferenz trägt die Vorschläge aus den einzelnen Bundesländern zu einer einheitlichen deutschen Vorschlagsliste, der Tentativliste, zusammen. Diese Liste wird dem UNESCO-Welterbekomitee zur Entscheidung vorgelegt.

Als Bindeglied Deutschlands zur UNESCO gilt die Deutsche UNESCO-Kommission. Sie berät den Staat in allen Fragen zur Mitgliedschaft in der UNESCO. Ihre Arbeitsschwerpunkte entsprechen den vier Programmbereichen der UNESCO: Bildung, Wissenschaft, Kultur sowie Kommunikation und Information.

Quellen:

www.unesco.de

www.unesco.org

www.wikipedia.de

Literatur zum Thema

Bücher

  • Wasserbau und Wasserkraft, Trinkwasser und Brunnenkunst in Augsburg. Die historische Augsburger Wasserwirtschaft und ihre Denkmäler im europaweiten Vergleich – 2013, Martin Kluger, www.context-mv.de
  • Augsburgs historische Wasserwirtschaft. Der Weg zum UNESCO-Welterbe – 2015, Martin Kluger, www.context-mv.de

Führer

Weiteres Informationsmaterial

 

 

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