Wassertürme am Roten Tor

Das Wasserwerk am Roten Tor

Im ausgehenden Mittelalter bildeten sie oft ein Ensemble am untersten Ende der Städte: Die Stadtmauer, das Wasserwerk und das Siechenhaus. In Augsburg ist dieser Dreiklang historischer Baukunst noch erlebbar: Eingebettet zwischen dem Roten Tor und dem ehemaligen Heilig-Geist-Spital (heute Heimat der Augsburger Puppenkiste) liegt das Alte Brunnenmeisterhaus mit den liebevoll restaurierten Wassertürmen – vielleicht das beeindruckendste Vermächtnis der Augsburger Wasserkunst.

Hier war das Reich des Brunnenmeisters. Sein Wohnhaus ging direkt in die beiden Wassertürme über. Als gelernter Zimmermann war er ein angesehenes Mitglied einer der wichtigsten Zünfte der Stadt. Der Brunnenmeister war einer der großen Ingenieure jener Zeit. Seinem Innovationsgeist entsprang die Pumpentechnik, mit der das Wasser aus dem Brunnenbach in die Türme gehoben und von dort in die Oberstadt verteilt wurde.



Der geniale Brunnenmeister Caspar Walter

Die Liste der Augsburger Brunnenmeister führt viele kreative Köpfe. Doch keiner übertraf die Genialität von Caspar Walter. Von 1741 bis 1768 perfektionierte er die Technik im Inneren der elf Wassertürme der Stadt. Durch den Einsatz von Kurbelwellen optimierte er die Kraft, die über ein Wasserrad auf die Pumpen übertragen wurde. Walter schuf rund 25 maßstabsgetreue Modelle seiner Pumpenwerke, die zum Teil noch heute in der Modellkammer des Maximilianmuseums bestaunt werden können. Auch seine wissenschaftlichen Schriften – vor allem die berühmte „Hydraulica Augustana“ – sorgten in der Fachwelt für Aufsehen. Als Walter 1768 in Ruhestand ging, hatte er Augsburg die modernste Versorgung mit Trinkwasser jener Zeit vermacht.

Erst rauf, dann runter – und dann in die ganze Stadt

Vor allem im Großen und im Kleinen Wasserturm ist die geniale Technik noch heute zu spüren. Gemeinsam mit dem Brunnenmeisterhaus sind die restaurierten Türme im Rahmen von Führungen zu besichtigen. Dabei erfährt man unter anderem, wie durch Wasserräder angetriebene Pumpen das Wasser in die obersten Stockwerke der Türme beförderten. Dort ergoss sich das Wasser in Becken, von wo aus es durch ein Fallrohr nach unten stürzte. Übrigens nicht aus bloßen Rohren: Im Großen Wasserturm bildete ein von Adreaen de Fries geschaffener Jüngling mit seiner Muschel den vielleicht schönsten Wasserhahn der Geschichte. Dieser Druck jedenfalls schob das Wasser bis in die 12 Meter höher gelegene Oberstadt, wo es aus öffentlichen Laufbrunnen ebenso floss wie aus den privaten Brunnen reicher Patrizier. Regulierbare Wasserhähne gab es damals noch nicht. Das Wasser floss pausenlos und war damit immer frisch.

Der höchste Wasserturm seiner Zeit

Wassertürme kannte man in Augsburg damals schon seit Jahrhunderten. Im Jahr 1416 wurde ein Holzturm am Roten Tor gebaut – er war aber beileibe nicht der erste seiner Art in Augsburg. Als er 1463 abbrannte, schuf man an gleicher Stelle den Großen Wasserturm, jetzt allerdings aus Stein. Mit seinen dann 28 Metern Höhe galt er im 16. Jahrhundert als der höchste Wasserturm seiner Zeit, gefolgt nur vom benachbarten Kastenturm mit 25 Metern. Letzterer ist ein weiteres Beispiel für die verschwenderische Wasserkunst der Augsburger Blütezeit: Er diente ausschließlich der Speisung der drei Prachtbrunnen.

Ein Aquädukt für zwei Bäche

Damit das Wasser überhaupt in die Stadt gelangen konnte, musste es zunächst den bis zu 30 Meter breiten Stadtgraben überwinden. Dazu diente ein Aquädukt, der den Graben überquerte. Wer bis hierher aufmerksam gelesen hat, ahnt wohl schon, dass auch dieser Aquädukt kein schlichter Wasserweg war. Denn in seinem Inneren trennte eine Holzwand den Lochbach und Brunnenbach. Während der erste vom Lech abgezweigt wurde und ab der Stadtgrenze als Vorderer Lech die Kanäle der Unterstadt speiste, führte der zweite reinstes Trinkwasser aus natürlichen Quellen des heutigen Siebentischwaldes mit sich. Also exakt von dort, von wo aus die Stadtwerke Augsburg noch heute die gesamte Stadt mit Trinkwasser versorgen.

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