Stiftungen: Fuggerei, Spitäler und das Seelenheil

06.12.2017 05:24 | Kategorie: Bürgerservice & Rathaus, Umwelt & Soziales

Felix Oldenburg ist Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Der Verband wurde 1948 als Arbeitsgemeinschaft Deutscher Stiftungen in Augsburg gegründet. Im Gespräch mit Elisabeth Rosenkranz vergleicht Oldenburg das deutsche Stiftungswesen mit Europa, beziffert Milliarden-Beträge und spricht unserer Stadt ein großes Lob aus.


Seit April 2016 ist Felix Oldenburg Generalsekretär beim Bundesverband Deutscher Stiftungen. Foto: David Ausserhofer/BVDS

Herr Oldenburg, nächstes Jahr jährt sich die Gründung der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Wohltätigkeits- Erziehungs- und Kultus-Stiftungen zum 70. Mal. Sie war die Vorläufer-Organisation der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Stiftungen, die seit 1990 Bundesverband Deutscher Stiftungen heißt. Welche Verdienste gilt es zu würdigen?

Felix Oldenburg: Aus 29 Teilnehmenden der ersten Tagung ist eine Interessensvertretung mit mehr als 4.200 Mitgliedern geworden. Als bayerischer Verband gestartet, vernetzen wir heute Stiftungen und Stiftende in Deutschland, Europa und auch weltweit. Aus dem Ziel einen brachliegenden Stiftungssektor nach dem Zweiten Weltkrieg wieder neu zu beleben, ist ein breites Leistungsspektrum erwachsen: Von der juristischen Beratung unserer Mitglieder, über die Anbahnung von Kooperationen mit zum Beispiel der Wirtschaft bis hin zur wirksamen Interessensvertretung in Medien und Politik. Gerade der Erfolg der Rechtsberatung zeigt sich in vier Stiftungsreformen in 18 Jahren und einer fünften, die hoffentlich 2018 von der Politik umgesetzt wird.

Wie ausgeprägt ist das Stiftungswesen in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern in der EU?

Oldenburg: Rund 150.000 gemeinwohlorientierte Stiftungen gibt es in Europa, davon stammen rund 22.000 aus Deutschland, das damit europäischer Spitzenreiter ist. Nach Deutschland folgen Polen mit rund 18.000 und Ungarn mit 16.000 Stiftungen. Über alle Länder hinweg ist jede dritte Stiftung in Bildung und Wissenschaft engagiert, jede vierte im sozialen Bereich.

Wie hoch ist gegenwärtig das deutsche Stiftungsvermögen ungefähr in Euro und Cent?

Oldenburg: Wir haben dazu die Angaben von rund 12.000 Stiftungen aller Rechtsformen und können deren Gesamtkapital auf 67,92 Milliarden beziffern. Schätzungen für alle Stiftungen belaufen sich auf weit mehr als 100 Milliarden Euro. Viele Stiftungen haben Forste, Gemälde oder Unternehmensanteile im Portfolio – das Gesamtvermögen auf den Cent genau zu beziffern ist daher fast ein Ding der Unmöglichkeit. Aber vielleicht kommt der Tag – möglicherweise auch unterstützt durch ein öffentliches Stiftungsregister mit Publizitätspflicht – wo das möglich sein wird.

Beim Tag der Stiftungen, den der Bundesverband jedes Jahr deutschlandweit veranstaltet, wird nicht nur die Arbeit der Stiftungen vorgestellt. Auch die Vorzüge des Stiftens für alle Beteiligten haben breiten Raum. Welche überzeugen Ihrer Meinung nach am meisten?

Oldenburg: Stiftungen haben die Flexibilität, Themen unabhängig von einer politischen Agenda und deren Haltbarkeit in Legislaturperioden oder wirtschaftlichen Kennzahlen anzugehen. Das macht ihr Wirken zumeist auch langfristiger und nachhaltiger. Sie können ausprobieren, verwerfen, neu erfinden. Für Stifterinnen und Stifter ist die Stiftung daher das ideale Instrument, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Momentan stellen sich viele Stiftende die Frage, wie sie über die Anlage ihres Vermögens den Zweck noch wirksamer erfüllen können. Hier begegnen sich unternehmerische Ansätze und Gemeinwohl auf Augenhöhe und ich bin sehr gespannt auf die Früchte, die diese Liaison hervorbringt. 

Das Hospital vor dem Roten Tor in Augsburg wird 1239 erstmals erwähnt. Sie gilt damit als die älteste Stiftung im deutschsprachigen Raum. Ist dieser Umstand zufällig oder typisch für Augsburg?

Oldenburg: Zunächst mal gehört die Paritätische Hospitalstiftung am Roten Tor zu einer exklusiven kleinen Gruppe von 50 Stiftungen in Deutschland, deren Wurzeln bis ins 13. Jahrhundert reichen und die seitdem durchgehend Bestand hatten. Was für eine Leistung! Die gute Gabe für Bedürftige sollte damals auch das Seelenheil der Stifter sichern. Viele Spitäler und Waisenhäuser verdanken der Nächstenliebe mit Ticket ins Jenseits ihre Existenz. Das gilt gerade auch für bayerische Städte wie Augsburg, wo Spitäler als Wohltätigkeitsanstalten eine lange Tradition haben.

Mit 44 gemeinnützigen Stiftungen, die von der Stadt Augsburg selbst verwaltet werden, sowie rund 80 kirchlichen und privaten Initiativen gilt Augsburg als Stiftungshauptstadt Deutschlands. Was bedeutet ein solches Prädikat in heutiger Zeit?

Oldenburg: Die Jagd nach dem Titel Stiftungshauptstadt hat viele Städte in den vergangenen 10, 15 Jahren angespornt, gute Gründungsbedingungen für Stiftende zu schaffen. Und das war auch gut so. Heute, mit zehn Jahren Finanzmarktkrise im Rücken, stehen weniger die Errichtungszahlen im Fokus als die Frage, wie zukunftsfähig sind die Stiftungen aufgestellt? Kooperieren sie mit anderen Akteuren der Stadtgesellschaft? Können Sie ihr Vermögen wirkungsorientiert anlegen? Für mich ist eine Stiftungshauptstadt solch eine, die Stiftungen bei diesen Fragen hilft.

Wie würden Sie das Stiftungswesen in Augsburg charakterisieren?

Oldenburg: Was mir als erstes dazu einfällt, ist natürlich das Wirken der Handelsfamilie Fugger. Sie bauten die älteste Sozialsiedlung der Welt und hatten damit eine gute Idee, die Jahrhunderte überdauerte. Die der wirkungsorientierten Kapitalstrategie. Aber lassen Sie uns nicht die anderen mehr als 150 Stiftungen vergessen! Und schaue ich auf Bürgerstiftung, Gemeinschaftsstiftung und andere Stiftungen, in denen sich Menschen zusammengetan haben, fällt auf: In Augsburg kocht nicht jede Stiftung ihr eigenes Süppchen. Gemeinsam für das Gemeinwohl auch die Anliegen der Stiftungen vorantreiben – nicht umsonst liegt die Wiege des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen hier in Augsburg! (erz)
 

Mehr zum Thema Stiftungen lesen Sie auf augsburg.de/stiftungen sowie in der aktuellen Ausgabe der Bürgerzeitung Augsburg Direkt, die am heutigen Mittwoch der Augsburger Allgemeinen und der Wochenzeitung Augsburger Extra beiliegt.




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